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Verlag J. Lühmann


Jutta Walter

Zur Biografiearbeit mit alten Menschen

ISBN 3-934119-03-4

Preis: 3,90 Euro


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Inhaltsangabe

Jutta Walter, Jahrgang 1960, ist Diplom-Kulturpädagogin, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Ihre beruflichen Schwerpunkte sind das Malen, Biographiearbeit und die Arbeit mit alten Menschen.

Das hier vorliegende Heft möchte Anregungen geben, über das Leben neu nachzudenken. Hierbei wird im Besonderen der Blick auf den letzten Lebensabschnitt gerichtet. Alte Menschen haben ein großes Bedürfnis, aus ihrem Leben zu erzählen. Ereignisse, Entwicklungen, Krisen und Gegebenheiten werden erinnert, neu in Beziehung zueinander gesetzt und somit aufgearbeitet oder abgeschlossen: „Ja, jetzt erkenne ich, es war nicht immer leicht, aber alles hatte seinen Sinn.“ Eine Last, die zu Verbitterung und Verhärtung führen kann, wird möglicherweise dabei losgelassen. Der alte Mensch wird gelöster, heiter und gütig – er schließt Frieden mit sich und seiner Welt. Das Thema Biographie betrifft einen jeden von uns. Es geht dabei um die Entwicklung des eigenen Lebens im Kontext von Familie, sozialer Gruppe und Kulturzusammenhang.


Leseprobe

I. Was ist Biographiearbeit?

Das Interesse an biographischem Arbeiten wird in der letzten Zeit bei vielen Menschen immer stärker. Berühmte und unbekannte Menschen schreiben ihre Lebensgeschichte auf, um sie zu veröffentlichen oder als Familiendokument für die Nachkommen, um sie zu bewahren. Nichts ist so einzigartig und persönlich wie der eigene Lebenslauf. Die „Biographiearbeit als Methode“ wird seit einiger Zeit für Menschen in sozialen oder kunst-therapeutischen Berufen als Weiterbildung angeboten. Sie hat sich neben den vielen Therapieformen als eigenständige Arbeitsform entwickelt. Ziel dieser Ausbildung ist es, Wissen und Erfahrungen aus den Gesetzmäßigkeiten des Lebenslaufes zu erlernen und das Gelernte an andere weiterzugeben. Eine gängige Form, den Lebenslauf zu gliedern, ist die Einteilung in Kindheit, Jugendzeit, Erwachsenenalter und Alter. Die verschiedenen Lebensabschnitte enthalten unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten, die erforscht werden können. „So werden beispielsweise die verschiedenen Lebensformen, die Menschen hinter sich haben, auf künstlerische Weise untersucht, werden Lebenslauf-Bilder gezeichnet und gemalt. Auch Klangübungen und Lieder gemeinsam zu singen und Beispielen aus der Musikgeschichte zu lauschen, gleichsam als Metaphern des menschlichen Entwicklungsweges, sind fester Bestandteil im biographischen Arbeiten. Das Lesen von Gedichten und anderen Texten, das Theaterspiel, Bewegungs- und Entspannungsübungen gehören dazu, vor allem aber viele soziale Übungen, denn in der Erforschung des Lebenslaufes ist es ganz besonders wichtig, von einander zu lernen. (...) Immer wieder kann man die Erfahrung machen, daß Menschen, wenn sie an der eigenen Biographie arbeiten, durch die Anwendung verschiedener künstlerischer Aktivitäten intensiver in ihrem physischen, seelischen und geistigen Wesen angesprochen werden. Dadurch entsteht innerer Reichtum.“ (G. Prinzenberg, Der Weg durch das Labyrinth, Seite 14) Innerer Reichtum ist eine menschliche Seins-Qualität. Vielen Menschen mangelt es an dieser Qualität, obwohl oder gerade weil sie alles haben. Was macht zufrieden? Der neue Fernseher oder eine eigene Erfahrung, die ich gemacht habe? Verstellen mir solche Äußerlichkeiten den Zugang zu meinen vorhandenen, aber nicht bewußten inneren Schätzen? - Warum gibt es so viel Gewalt und Verbrechen in unserer Welt? Warum geben wir unsere Alten in die Altersheime? Werte und Normen unterliegen einer starken Wandlung. Die Wandlungen scheinen in der technisch orientierten Computerwelt rasend schnell zu verlaufen. Doch wo bleibt da die seelische und geistige Entwicklung? Kann sie Schritt halten? Die Biographiearbeit als Methode hilft inne zu halten und auf das eigene Leben zu schauen. Entwicklungen, Krisen, die als Chance angesehen werden, Altes loszulassen und Neues für sich zu erforschen, und Lebensphasen werden deutlicher. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen in Wechselbeziehung zu einander. Besondere Personen oder Vorbilder können den Lebensweg mit beeinflussen, ebenso Verluste, Veränderungen und Schicksalsschläge. Wie sieht der rote Faden in meinem Leben aus, wie die Widersprüche und Sprünge? Auch die Aspekte des Erinnerns spielen eine große Rolle in der Biographiearbeit. Weil ich diese Arbeit den alten Menschen widme, möchte ich jetzt einige Gedanken hierauf verwenden. Alte Menschen haben ein großes Bedürfnis, aus ihrem Leben zu erzählen. Dieses Phänomen ist von erheblicher Bedeutung, denn im letzten Lebensabschnitt wird Resümee gezogen: „Habe ich es gut gemacht?“ ist für viele sehr alte Menschen eine zentrale Frage. Bei meinen Gesprächen mit alten Menschen im Altersheim fällt mir auf, daß sie nicht mehr so stark nach außen gerichtet leben, sondern mehr in ihrer Lebensgeschichte, in der Vergangenheit. Das ist natürlich. Denn so viel passiert ja auch nicht mehr im äußeren Leben. Auch das wiederholende Erzählen hat seinen Sinn in dieser Lebensphase. Immer und immer wieder werden Ereignisse und Gegebenheiten erinnert und neu in Beziehung zueinander gesetzt. Die Qualität des Erinnerns verändert sich auch im Laufe des Lebens. Aus dem zeitlichen Abstand zu den Dingen werden sie neu bzw. anders bewertet und betrachtet. Und in der Rückschau hört man die alten Menschen oft sagen: „Ja, jetzt erkenne ich, es war nicht immer leicht, aber alles hatte seinen Sinn.“ Wer wirklich etwas Zeit hat und lauscht, was die Alten zu sagen haben, erweist ihnen einen heilsamen Dienst. Denn sie möchten in Ordnung bringen, was noch einer Ordnung bedarf, abschließen mit Vergangenem, sich versöhnen, sich und anderen vergeben. Dies kann im vertrauten Gespräch oftmals auch mit einer ganz fremden Person geschehen. Wichtig ist, daß jemand da ist, der aufrichtig, mit ungeteilter Aufmerksamkeit zuhört und mit Liebe dabei ist. Lasse ich mich von dem Kontakt meines Gegenübers wirklich be-rühren? „Im tiefsten Sinn sein Leben vollenden kann nur, wer bis zum Ende im Zunehmen und Reifen bleibt. Umgekehrt: Wo immer wir stehenbleiben und am Gewordenen, insbesondere auch an gewissen Vorstellungen haften, die wir uns einmal von unserem Leben und seinem Sinn gemacht haben, verschließen wir uns dem, was in uns und durch uns aus unserem tiefsten Wesen heraus ans Licht will. Verhärtet gegen die Sehnsucht unseres eigenen Herzens geraten wir notgedrungen in heillose Angst und beschließen unser Leben bitter und ohne Hoffnung. Wo aber der alternde Mensch sein Altwerden annimmt und bis zum Ende sich zu wandeln bereit ist, da kann er erfahren, daß gerade das Nachlassen seiner natürlichen Kräfte einem Übernatürlichen in ihm das Hervorkommen erleichtert. (...) Wo das Herz sich löst von allem, woran es hängt, beginnt eine Fülle und Kraft sich bemerkbar zu machen, die nicht von dieser Welt ist. Es ist ein Geheimnis, das ganz unabhängig von Armut, Anfälligkeit und Einsamkeit, Reichtum, Halt und Geborgenheit gibt. Voller Verwunderung kann dann die Umwelt erleben, wie der Alte sich in eigenartiger Weise verändert und aufhellt. Statt hart, bitter und verschlossen zu werden, sich und anderen zur Last, wird er immer gelöster, wird gelassen, heiter und gütig.“ (K. G. Dürckheim, Vom doppeltem Ursprung des Menschen, Seite 261) Der alte Mensch schließt Frieden mit sich und seiner Welt, aus der er bald scheiden wird. Bevor mein Vater vor elf Jahren starb, hatte er sich von seinen geliebten Gartengeräten verabschiedet. Er hatte zum Beispiel sein Spargelmesser in seine Hände genommen, es noch einmal eingeölt und zu mir gesagt: „Das werde ich nie mehr gebrauchen.“ Danach legte er es liebevoll an seinen gewohnten Platz ins Regal im Schuppen. Ich stand neben ihm und werde dieses Bild (vor Augen) wohl nie vergessen, so nachhaltig hat mich diese Erfahrung berührt. Denn er ahnte, daß er bald sterben würde. In meiner Studie „Zur Biographiearbeit mit alten Menschen“ gehe ich erfahrungsbezogen vor. Im ersten Kapitel zeige ich in großen Sprüngen etwas von meiner Ursprungsfamilie, meiner Ausbildung und der Entwicklung meiner eigenen Familie. Alles, was ich mache, mein Privatleben und meine berufliche und geistige Entwicklung stehen in Zusammenhang mit meiner eigenen Biographie und meinem Lebenskontext. Deshalb zeige ich auch etwas von mir. Ich möchte mit dieser Arbeit Anstöße geben zum Nachdenken und Nachforschen. Möge der Leser / die Leserin Lust bekommen, sich selbst auf den Weg der Entdeckungsreise durch das Labyrinth des Lebens zu begeben. Die Ausführungen über meine Arbeit im Altersheim können ebenfalls als Anregungen gesehen werden. Wer ähnlich arbeiten möchte, wird bei dem Tun seine eigene Kreativität entwickeln können. Die Ideen reifen im Prozeß der Entwicklung.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet jeder mit seinem eigenen Lebenslauf. György Konrad


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