Verlag J. Lühmann
Herausgeber:Sigurd Bressel
Längs der Nette 1-3
Geschichte und Geschichten aus dem Ambergau
ISBN 3-934119-00-X
Preis: 9,90 Euro
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Inhaltsangabe
Sigurd Bressel ist Vorsitzender und Schriftleiter des Vereins für
Heimatkunde im Ambergau. Die hier abgedruckten Texte erschienen ursprünglich
in der Vereinszeitschrift LÄNGS DER NETTE. Die ersten Ausgaben waren
schnell vergriffen, wurden ergänzt und erweitert neu aufgelegt und waren
bald darauf wiederum vergriffen. Dieser erste, noch einmal etwas ergänzte
Sammelband vereint Geschichte und Geschichten aus dem Ambergau von verschiedenen
Autoren. Historische Urkunden und Quellen wurden neu erschlossen. Eine Themenauswahl:
– Schlewecke im Siebenjährigen Krieg
– Die Bedeutung der Malstatt Holle
– Beschreibung des Dorfes Bültum
– Das Turmuhren- und Heimatmuseum Bockenem
– Die weltbekannten Weule-Uhren
– Die Zentralmolkerei Ambergau
– Der Scharfrichter Schwarz
– Das Rhüdener Salzdeputat
– Die Mönche von Immedeshausen
Eine plattdeutsche Erzählung gibt Gelegenheit zum Schmunzeln: „Kopparbeit
is duier“.
Leseprobe 1
Bockenem braucht nur einen Arzt – Aus der alten „gesunden“ Zeit – Friedrich
Freitag – Kreiensen
Vor 170 Jahren gab es im mittleren Ambergau nur einen studierten Arzt
– und der wohnte in Bönnien. Da stellte 1817 Dr. Laudahn aus Jerstedt
den Antrag, sich in Bockenem als Arzt niederlassen zu können. Aber der
Magistrat lehnt wie folgt ab: „Es wohnt zwar der Hochlöbliche Dr. Lüdgers
in Bönnien; allein dieser Ort ist kaum so weit von Bockenem entfernt
wie die entgegengesetzten Stadttore auseinanderliegen. Ein zweiter Arzt ist
nicht nötig, zumal er doch täglich von acht Uhr bis mittags in der
Stadt ist. Ferner ist Bockenem viel zu klein und enthält zu wenige bemittelte
Personen und Familien, als daß ein Arzt seinen Unterhalt erzielen könnte.
Vielmehr muß ihm dies seine auswärtige Praxis verschaffen, so
daß er größtenteils sich auswärts aufhalten müßte.
Dr. Lüdgers hat ferner seit 25 Jahren durch Kenntnisse und Fleiß
sich soviel Zutrauen erworben, daß kein anderer sich hier seinen Unterhalt
sichern kann.“ Nach einigen Jahren aber stirbt Dr. Lüdgers und Dr. Ehwers
nimmt nun in Bockenem seine Praxis auf. Da richtet Dr. Juch aus Hannover
an die Landdrostei die Bitte, sich in Bönnien niederlassen zu können.
Er gibt an: „Bockenem hat 2126 Einwohner, das Amt Wohldenberg 11115, so daß
ein zweiter Arzt gut sein Brot finden könnte. Bei fortwährender
Ablehnung bleibt mir nichts anderes übrig, als das Vaterland zu verlassen
und in der Fremde meine Existenz zu suchen. Ich würde das als ein großes
Unglück betrachten.“ Der Bockenemer Arzt ist aber dagegen: „Ohne das
Privatvermögen meiner Frau würde ich kein Auskommen aus meiner
Praxis haben. Von den Einwohnern der Stadt habe ich im letzten Jahr nur 105
Taler verdient.“ Das Amt Wohldenberg ist auch dagegen; denn Dr. Schreiber
– Holle, „der gewiß nicht ungeschickt ist, lebt fortwährend in
größter Dürftigkeit, so daß er darauf bedacht ist,
sich eine andere Gegend zu suchen.“ Man soll aus der Tatsache, daß
nur wenige Ärzte ihr Auskommen hier finden konnten, nicht folgern, daß
die Einwohner des Ambergaus bis ins hohe Alter von eisener Gesundheit gestrotzt
hätten. Gewiß haben auf Grund der harten Lebensweise und der natürlichen
Kost viele Kulturkrankheiten gefehlt; aber dafür waren wieder andere
da, die heute ihre Gefahr weitgehend verloren haben. Furchtbare Seuchen haben
die Menschen geduldig wie ein unabänderliches Schicksal oder als Strafe
für ihre Sünden über sich ergehen lassen. Die gefährliche
Tuberkulose, in den Kirchenbüchern vielfach als „Auszehrung“ verzeichnet,
raffte viele hinweg. Säuglings- und Muttersterblichkeit lagen hoch.
Die Medikamente waren vielfach einfache Hausmittel. Die chirurgischen Eingriffe
waren einfacher und wurden vielfach von Wundärzten ausgeübt, die
nach Art der Handwerkslehre bei einem „Chirurgenmeister“ gelernt, ihre Gesellenprüfung
abgelegt und nun auf Grund der niedrigen Honorare und oft auch wegen ihres
Könnens auf ihrem engen Gebiet vom Volk bevorzugt wurden. „Bürger
der Stadt und Bauern bedienen sich fast lediglich der Wundärzte, von
denen allein in Bockenem drei vorhanden sind“, heißt es noch in der
Begründung zur Ablehnung des zweiten Arztes. Der erste Arzt, der zugleich
Apotheker war, ließ sich kurz vor dem 30jährigen Kriege in Bockenem
nieder. Offenbar war er von der Stadt angestellt, um nach den Pest-Epidemien,
deren eine 1598 allein in Bockenem 400 Menschen unter die Erde brachte, Vorsorge
vor ähnlichen Katastrophen zu treffen. Als Stadtphysikus erhielt er
die Einnahmen eines Geistlichen aus den Einkünften des Liebfrauenstiftes.
Die Wirtschaftslage der Stadt war damals derart gut, daß sie sogar
dem Herzog von Braunschweig 1000 Taler leihen konnte. 1653 wird unter den
Kirchenvätern auch ein „Chirurg“ genannt, ein Titel, den sich zu der
Zeit auch Barbiere und später auch Bader zulegen konnten. Im späten
Mittelalter, als Bockenem weder Arzt noch Apotheker hatte, als unter den
ansteckenden Hautkrankheiten besonders der Aussatz verbreitet war, richtete
man Fußbäder ein. Das eine Badehaus lag unterhalb der Stobenstraße
(Badstubenstraße), das andere an der unteren Wasserstraße. „Arme
Kranke badeten nicht nur umsonst, sondern bekamen nach dem Bade noch Weißbrot
und Bier. Dafür waren sie verpflichtet, für das Seelenheil der
Stifter dieser „Seelenbäder“ zu beten“ (Günther). Die aufsichtsführenden
„Bademeister“ erteilten auch nebenbei Rat bei allerlei körperlichen
Gebrechen, durften äußerliche Kuren vornehmen und Wundheilkunst
betreiben. Sie waren wie die Barbiere in Zünften vereinigt und bildeten
Lehrlinge in der Heilkunst aus. Wundbehandlung, Aderlaß, Schienen von
Knochenbrüchen, Zahnziehen usw. war den geschulten Ärzten zu gewöhnlich
und galt in ihren Augen als niedere handwerkliche Arbeit, zumal die Kirche
den noch zahlreichen Priesterärzten die Ausübung der Chirurgie
untersagt hatte, weil hier Mißerfolge leicht zu erweisen waren und
das Priesteramt damit gefährdet wurde. So darf man in den Wundärzten,
Badern und Barbieren weniger den Handwerker sehen als den Ersatz für
den fehlenden chirurgisch ausgebildeten Arzt. Durch den dauernden Kontakt
mit der Praxis und durch Anweisung tüchtiger Meister hatte es mancher
Wundarzt zu beachtlichen Leistungen gebracht. Kriege und Fehden waren insbesonders
nach der Erfindung der Feuerwaffen gute Lehrmeisterinnen. Die Universitäten
waren damals noch in erster Linie Lehr- und weniger Forschungsstätten,
bis 1748 in Dresden die erste staatliche chirurgische Klinik eingerichtet
wurde, die wohl in erster Linie tüchtige Wundärzte für das
Heer heranbilden sollte. Erst 1861 wurde das Physikum als erstes ärztliches
Examen eingeführt: damit war die umfassende ärztliche Ausbildung
gewährleistet. Die besseren ärztlichen Leistungen nahmen den Wundärzten
und Barbieren nach und nach den Zuspruch der Hilfsbedürftigen. Das Wirken
der Wundärzte ist noch nicht so lange her, daß es völlig aus
dem Bewußtsein verschwunden wäre: Bürgermeister i. R. Jacobs
– Bockenem – berichtete noch, daß in Dormeyers Bäckerei der Wundarzt
Büttjer wohnte. Das heutige Rathaus von Bockenem war die Apotheke, die
vom Apotheker Löhr an die Stadt verkauft wurde. Die Frisöre Ebeling
in der Stobenstraße und Enger in der Wasserstraße waren die letzten
Bockenemer Barbiere, die auch Zähne zogen. (Quellen: Han. Des. 80, Hildh.
I, M 384, 385, – Diepken, Geschichte der Medizin, Berlin 1951, – Meyer-Steineg,
Jena 1928)
Leseprobe 2
Weule-Uhren verkünden der Welt die Zeit - Sigurd Bressel - Bornum
am Harz
Heute fragt man sich vielfach, wie es dazu kommen konnte, daß ein
kleiner Bockenemer Handwerksbetrieb als Turmuhrenfabrik Weltgeltung bekam.
Ein kleiner Rückblick in die Geschichte der Großuhren kann diese
Frage noch vertiefen. Etwa um 1300 beginnt das Zeitalter der mechanischen
Uhren. Zwar sind auch vorher schon Kirchen- und Klosteruhren mit Glockenschlagwerk
bekannt, die erste schriftliche Nachricht von einer öffentlichen Uhr
ist uns jedoch erst aus dem Jahre 1336 aus Mailand überliefert. (1) Schriftliche
Überlieferungen besagen nicht alles! Selbst in dieser Stadt mag es solche
Uhren schon vorher gegeben haben – nur fehlt dafür der Beleg! Nach 1336
erfahren wir mehr über öffentliche Uhren. Das nächste Zeugnis
stammt aus Padua (1344), in den nächsten Jahren folgen weitere italienische
Städte. Frankfurt am Main und Nürnberg (beide im Jahre 1361) und
Augsburg (1364) sowie Breslau (1367) sind die ersten deutschen Städte,
in denen „öffentliche Uhren“ belegt sind. London (1369) und Paris (1370)
folgen etwas später. München (1371) und Köln (1372) seien
noch erwähnt. Stade ist die erste niedersächsische Stadt (1377),
von der uns ein schriftliches „Uhren“-Zeugnis vorliegt. Lüneburg (1379),
Hamburg und Osnabrück (1382/83), Braunschweig mit St. Katharinen, die
dann rund 500 Jahre später eine Weule-Uhr bekommt, und Göttingen
(1389) folgen. Auch Hannovers berühmte Marktkirche bekommt 1393 ihre
erste Uhr und ein halbes Jahrtausend später eine Weule-Uhr. Aus dem Jahre
1396 seien noch Duderstadt und der Magdeburger Dom erwähnt, von dem
ebenfalls später eine Uhr aus Bockenem die Zeit verkündete. Wie
aus den Jahreszahlen zu erkennen ist, begann etwa 1370 eine richtige Anschaffungswelle
für „öffentliche Uhren“ in Europa. Dabei waren diese ersten Uhren
relativ primitiv und die damit vollzogene Zeitmessung ziemlich ungenau. Uhrenwärter
mußten die Uhren täglich aufziehen und die Zeiten gegebenenfalls
korrigieren. Uhren waren bis etwa 1650 nahezu ein städtisches Monopol.
Privater Uhrenbesitz war äußerst selten. Erst die Erfindung des
Pendels in der Mitte des 17. Jahrhunderts erhöhte die Ganggenauigkeit
der Uhren. Nach der Reformation begannen auch die kleinen Städte und
viele Dörfer sich Uhren als „Prestigeobjekte“ anzuschaffen. Die Erfindung
der Spiralfeder als Gangregler für tragbare Uhren brach dann das öffentliche
Uhrenmonopol, tragbare Uhren konnten sich auch schon reiche Privatleute jener
Zeit leisten ... Große Teile des Volkes richteten sich jedoch nach
den Kirchturmuhren und was sie geschlagen hatten. Ganz Deutschland und die
Welt hatten also schon Turmuhren, als Johann Friedrich Weule in das „Uhrengeschäft“
einstieg. Wie war das möglich? Insbesondere durch die Erfindung und
den Einbau eines verläßlichen wöchentlichen Aufzuges – anstatt
eines täglichen – waren Weules Uhren gefragt. Die erste brauchbare Uhr
dieser neuen Generation ging nach Buxtehude und kehrte nach 121 Jahren nach
Bockenem in das Turmuhrenmuseum zurück ... In seinem Geschäftsbericht
vom 1. März 1886 kann Johann Friedrich Weule schon eine stolze Bilanz
aufmachen: „Die Fabrik, aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, hat
sich durch gute und solide Arbeit im Laufe der Jahre einen weit verbreiteten
guten Ruf erworben. Eine Zahl von 30 bis 40 Arbeitern und durch Dampfkraft
betriebene präzise arbeitende Werkzeuge der neuesten und besten Constructionen,
ermöglichen sorgfältigste und schnellste Ausführung sämtlicher
Aufträge zu verhältnismässig äusserst billigen Preisen
(...) Ein nach Möglichkeit vollständiges Lager von 40 bis 50 Uhr-Werken,
zahlreichen Zifferblättern, Zeigerwerken und Glocken, in allen gängigen
Grössen, sichert schnellste Ausführung der Aufträge und kann
bei eiligen Aufträgen unverzügliche Lieferung erfolgen. Im Ganzen
gingen bislang ca. 1150 neue Werke aus der Fabrik hervor, wovon exportiert
wurden: nach Russland 101, Norwegen 4, Dänemark 2, Holland 7, Belgien
2, Oesterreich 9, Mexico 8, Brasilien 5, Argentinien 9, Chile 3, Süd-Afrika
7, Australien 4, Indien 3, Klein-Asien 2. Die übrigen blieben innerhalb
des Deutschen Reiches. Spezielle Vertretungen, bzw. Lager von Werken der
Fabrik bestehen: in St. Petersburg (dem zwischenzeitlichen Leningrad), Christiana
(dem heutigen Oslo), Buenos-Ayres, Capstadt und Sidney. Im Laufe der letzten
Jahre kommen jährlich 70 – 80 Werke der Fabrik zur Ablieferung. (...)“
Vierzig Jahre später: Ein 72seitiger Katalog der Turmuhrenfabrik und
Glockengießerei J. F. Weule (wahrscheinlich kurz nach Mitte 1929 während
der Wirtschaftsflaute erschienen: letztes Dankschreiben darin vom 31. Juli
1929) enthält wahrscheinlich alle bis zu diesem Termin aufgestellten
Uhren. Das Deutsche Reich in seiner damaligen Gliederung tritt in unser Bewußtsein.
Der flächenmäßigen Ausdehnung entsprechend gingen die meisten
Großuhren nach Preußen: in die Provinz Hannover zum Beispiel,
wobei allein in der Stadt Hannover mit ihren Vororten 97 Weule-Uhren installiert
wurden: in Kirchen, Schulen und Hochschulen, Fabriken, Kasernen (Ulanenkaserne
heißt es da, Militär-Reitinstitut, Trainkaserne, beim Feldart.-Rgt
10), in allen möglichen öffentlichen Gebäuden ... Sowohl die
Schleuse Anderten, die Gasanstalt und die Wasserkunst in Herrenhausen, als
auch das Schlachthaus und die Provinz-Blindenanstalt bekamen Weule-Uhren
und Hannovers Straßenuhren kamen ebenfalls aus Bockenem. Goslar hatte
11, Göttingen 13 Weule-Uhren aufzuweisen. In Hildesheim gab es ebenfalls
9 Weule-Uhren, zum Beispiel in der Michaelis-Kirche und im Rathaus. In der
preußischen Provinz Sachsen seien nur Halberstadt (6 Weule-Uhren),
Halle an der Saale (9), Magdeburg (11), Naumburg (7), Nordhausen (6), Salzwedel
(8) und Stendal (4 Weule-Uhren) erwähnt. In der Provinz Westfalen (Bielefeld
allein mit 23 Weule-Uhren, Münster mit 19), in der Provinz Hessen-Nassau
und Hessen (Darmstadt (14), Frankfurt am Main (19), Gießen (15), Kassel
(21), in der Rheinprovinz und im Saargebiet: Aachen (8), Köln (60),
Saarbrücken (6), um nur ein paar Orte herauszugreifen ... in der Provinz
Schleswig-Holstein: Flensburg (19 – unter anderem in der Dansk Realskole,
in Brunsbüttelkoog und Helgoland und Kiel (20), in der Provinz Brandenburg:
Berlin (20 – unter anderem in der Reichsdruckerei), Spandau (4), in der Provinz
Pommern insgesamt 180 (Greifswald (2), Pasewalk (8), Stettin (11) und Usedom,
in der Provinz Ost- und Westpreußen und Grenzmark sind insgesamt 159
Weule-Uhren aufgeführt (Allenstein, Elbing, Gumbinnen, auf dem Leuchtturm
Hela, Insterburg, Königsberg, i. Pr. (6 – u.a. im Dom), Marienburg,
Memel, Schlochau (Grenzmark), Tilsit ...) in der Provinz Schlesien gab es
138 Weule-Uhren (in Breslau allein 11, aber auch in Görlitz, Hindenburg,
Ratibor, Sagan ...). Überall zeigten in Städten und Dörfern
dieser preußischen Provinzen – insgesamt mehrere tausend – Weule-Uhren
die Zeit an ... Die anderen Landesteile, wie Braunschweig (in Braunschweig-Stadt
allein 39, in Helmstedt 5, in Wolfenbüttel 8), Anhalt (Köthen 5),
Thüringen (Gera 3, Gotha 2, Jena 5), Bayern (Aschaffenburg 2, Hammelburg
5 ... Würzburg), Württemberg (Stuttgart, Ulm), Baden (Freiburg,
Karlsruhe, Pforzheim), Schaumburg-Lippe (Bückeburg), Mecklenburg und
Lauenburg, Oldenburg, Hamburg (in der Stadt allein 100 + 122 an Exportfirmen),
Bremen (54 + 10 an Exportvertreter), Lübeck, sowie die damals abgetrennten
Gebiete: Elsaß-Lothringen (35), Freistaat Danzig (21, unter anderem
für den Artushof) und Memelgebiet (3) seien ebenfalls als Standorte
von Weule-Uhren zusammengetragen. Nach Polen wurden 159 Weule-Uhren geliefert,
wobei allerdings auch eine große Anzahl von Orten, die nach dem ersten
Weltkrieg durch den Versailler Vertrag abgetrennt wurden, mit erfaßt
sind (Nach Posen gingen 19, aber auch nach Warschau kamen 12 Weule-Uhren).
Von den anderen europäischen Staaten liegen uns folgende Exportziffern
vor: Tschecho-Slowakei (71), Österreich und Ungarn (104), Rumänien
und Bulgarien (97), Rußland und Randstaaten (294 – zum Beispiel Dorpat
2, Minsk, Moskau 36, Reval 2, Riga 36, 160 an den Vertreter in St. Petersburg
...), Schweiz (15), Italien (23), Portugal und Überseegebiete (10),
Spanien (29), Belgien und Niederlande (174), Luxemburg (5), Griechenland (12),
Serbien (3), England und Schottland (52), Dänemark (81), Schweden und
Norwegen (51). Als außereuropäische Standorte werden aufgeführt:
Amerika: 424 Weule-Uhren in Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Costa
Rica, Cuba, Guatemala, Mexico, Nicaragua, Peru, San Salvador, Venezuela, USA,
Afrika (91), Asien (92) und Australien (10). Daß alte Kirchturm-Uhren
durch moderne Weule-Uhren ersetzt wurden, die nur noch einmal wöchentlich
aufgezogen werden mußten, wurde eingangs schon erwähnt. Der Bau-Boom
des vorigen Jahrhunderts – die wilhelminische Ära mit ihrer türmchenreichen
Neugotik – wirkte ebenfalls verkaufsfördernd: die neuen Rathäuser
in Hannover, Braunschweig, Hamburg, Kassel fallen in die Epoche und bekamen
selbstverständlich Weule-Uhren ebenso wie die aufstrebenden Großstädte
im „Ruhrgebiet“ ihr Rathaus mit einer solchen Uhr schmückten (zum Beispiel
in Elberfeld) oder die neuen Regierungsgebäude in Arnsberg oder Düsseldorf
damit versehen wurden, aber auch Zechen und Waschkauen (in Niederschelden),
die Postgebäude und Oberpostdirektionen, Amtsgerichte und Oberlandesgerichte,
Zollämter, die Bahnhöfe und verschiedene Zugstrecken (zum Beispiel
Münster – Coesfeld), übrigens auch im Ausland: in China wurden 15
Bahnhöfe der Eisenbahnstrecke Tientsin – Pukow mit Weule-Uhren ausgerüstet.
Kasernen, das Kaiserliche Minendepot in Cuxhaven und die Kiautschou-Kaserne
ebenda, Truppenübungsplätze, Schießplätze, Barackenlager
und die Luftschifferkaserne in Darmstadt, die Königliche Gewehrfabrik
und Kgl. Landesturnanstalt in Spandau, die Dynamitfabrik in Krümmel ...
brauchten moderne Uhren, aber auch die Volksschulen, Realschulen, Gymnasien,
Hochschulen, Universitäten, Lehrerseminare und eine „Englische Fräuleinschule“,
Badeanstalten, Musikpavillone, Lesehallen, Villen, Gutshöfe, Rittergüter,
Domänen, Schlösser, Stahlwerke und Walzengießereien, Möbelfabriken
und Kornbranntweinbrennereien. An neuen städtischen Einrichtungen, wie
Gasanstalten, Wassertürmen, Schlachthöfen, aber auch Gefängnissen,
Krankenhäusern, einer Taubstummenanstalt, einer Irrenanstalt oder – wie
es im Katalog an einer anderen Stelle noch drastischer heißt: Blödenanstalt,
aber auch an Werften, Hafeneinfahrten, Schleusen, Leuchttürmen und einem
Leuchtschiff und für die Straßenbahnen wurden Weule-Uhren angebracht.
Dieses alles zeigt nur in etwa die Bandbreite des Marktes für die Turmuhrenfabrik
Weule.
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